DER "SALON HARRY" SCHLIEßT NACH 120 JAHREN

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Ein letzter Haarschnitt auf St. Pauli – Warum mich die Schließung des Salon Harry traurig macht

 

Wer mit mir über den Kiez geht, merkt schnell, dass ich nicht nur Geschichten erzähle. Ich erzähle von Menschen. Von den kleinen Läden, den Kneipen und den Originalen, die St. Pauli zu dem gemacht haben, was es einmal war.

 

Und genau deshalb trifft mich die Nachricht besonders, dass der Salon Harry nach rund 120 Jahren seine Türen schließen muss. Der Vermieter hat die Miete für den Laden verdoppelt und ich konnte nicht mal einen letzten Termin bei Franz vereinbaren. Sie haben bereits das Gewerbe abgemeldet. 

 

Seit vielen Jahren lasse ich mir dort die Haare bei Franz & Ute schneiden. Nicht, weil es der modernste Friseur Hamburgs ist. Sondern weil man dort etwas findet, das heute fast verschwunden ist: Persönlichkeit.

 

Ein Friseurbesuch wie früher

 

Wenn ich den Salon betrete, ist es jedes Mal, als würde ich eine kleine Zeitreise machen.

Die alten Friseurstühle. Die Spiegel. Der vertraute Geruch nach Rasierwasser. Das leise Klappern der Scheren. Gespräche über den Kiez, über Menschen, den FC St. Pauli, das Wetter oder darüber, wie sich St. Pauli verändert hat.

Hier ging es nie nur um Haare.

Hier ging es um Menschen.

Man setzte sich hin, schnackte ein bisschen und verließ den Laden mit dem Gefühl, nicht einfach Kunde gewesen zu sein.

 

Gegenüber der Davidwache

 

Kaum ein Ort steht so sehr für St. Pauli wie die Davidstraße.

Direkt gegenüber der berühmten Davidwache liegt der Salon Harry – mittendrin im Herzen des Kiezes.

Während draußen Millionen Touristen über die Reeperbahn laufen, herrschte drinnen immer eine ganz andere Atmosphäre.

Ruhig. Ehrlich. Bodenständig.

Ein Stück echtes Hamburg.

 

Wenn Wände erzählen könnten...

 

Wie viele Menschen mögen hier wohl gesessen haben?

Hafenarbeiter nach Feierabend.

Musiker vor ihrem Auftritt.

Schauspieler.

Kiezgrößen.

Nachbarn.

Polizisten von der Davidwache.

Und natürlich die Beatles, als sie Anfang der 1960er-Jahre ihre Hamburger Zeit erlebten.

Wenn diese Wände sprechen könnten, würden sie wahrscheinlich mehr Geschichten erzählen als manches Geschichtsbuch.

 

Der Kiez verändert sich

 

Seit ich als Kiez-Kapitän Touren über St. Pauli führe, sehe ich jedes Jahr Veränderungen.

Viele Orte, die früher selbstverständlich waren, gibt es heute nicht mehr.

Alte Kneipen verschwinden.

Kleine Geschäfte schließen.

Originale gehen in den Ruhestand.

Und wieder verschwindet ein Stück des alten St. Pauli.

Natürlich verändert sich eine Stadt. Das ist ganz normal.

Aber manchmal wünsche ich mir, dass wir uns etwas mehr Zeit nehmen, um solche Orte zu bewahren.

Denn sie machen den Charakter eines Viertels aus.

 

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Danke für viele Jahre

 

Für mich war der Salon Harry nie einfach nur ein Friseurladen.

Er gehörte zum Kiez wie die Davidwache, die Große Freiheit oder die Landungsbrücken.

Wenn ich Gästen St. Pauli zeige, erzähle ich nicht nur von berühmten Gebäuden oder historischen Ereignissen.

Ich erzähle von den Menschen, die den Stadtteil geprägt haben.

Der Salon Harry gehörte immer dazu.

 

Ein Stück Erinnerung bleibt

 

Wenn Ende Juli zum letzten Mal das Licht ausgeht und die Tür geschlossen wird, endet eine Geschichte, die über Generationen geschrieben wurde.

120 Jahre sind mehr als nur eine Zahl.

Sie stehen für Tausende Gespräche.

Für Freundschaften.

Für Vertrauen.

Für ein St. Pauli, das heute immer seltener wird.

Ich werde den Salon vermissen.

Nicht nur, weil ich dort meine Haare schneiden ließ.

Sondern weil dort ein Stück Heimat zu finden war.

 

Mach's gut, Harry!

 

Ich möchte einfach Danke sagen.

Danke für all die Jahre.

Danke für die Gespräche.

Danke für die Herzlichkeit.

Und danke dafür, dass ihr über mehr als ein Jahrhundert ein Teil des echten St. Pauli wart.

Als Kiez-Kapitän werde ich auch in Zukunft die Geschichten dieses Stadtteils erzählen.

Und der Salon Harry wird immer eine davon sein.

Denn Geschichte besteht nicht nur aus großen Ereignissen.

Geschichte besteht aus den Menschen und den Orten, die wir nie vergessen sollten.

 

Euer Kiez-Kapitän Jens